Tempoverschärfung in der Agnes Buchhandlung
Joachim Zelter liest aus "Im Feld"
Autor Joachim Zelter kam zu Fuß vom Kölner Hauptbahnhof zur Lesung in die Agnes Buchhandlung. Eigentlich hätte man ihn auf dem Fahrrad erwartet – denn seine Passion ist das Radfahren, das auch im Zentrum seines Romans "Im Feld" steht, aus dem er an diesem Abend las. Nach der Vorstellung durch den Moderator Hendrik Schlüter begann Joachim Zelter die Lesung mit dem Auftakt seiner Erzählung, in der es mit einer Radsportgruppe vom Schwarzwald hoch hinaus in die Vogesen geht. Gekonnt vorgetragen vom Autor, nahm die Erzählung zunehmend Fahrt auf – angetrieben von einer ständigen Tempoverschärfung im Feld der Fahrer. Nach der mitreißenden Schilderung von immer höheren Geschwindigkeiten, anstrengenden Berganstiegen und steigenden Pulswerten gab es zur Halbzeit der Lesung eine verdiente Trinkpause an diesem warmen Sommerabend im gemütlichen Ambiente der Agnes Buchhandlung. An dieser Stelle noch einmal vielen Dank an den Moderator, der dem Peloton der Zuhörer:innen Trinkflaschen anreichte bevor es ausreichend hydriert auf die nächste Etappe der Lesestrecke ging. Das Peloton, also das Kollektiv der Radfahrer, steht in der Erzählung zum einen für die uneigennützige Zusammenarbeit, wie etwa beim Windschattenfahren. Zum anderen besteht das Peloton aber auch aus Einzelkämpfern, die ihrem individuellen sportlichen Ehrgeiz freien Lauf lassen, sobald der Leiter der Gruppe – eine zentrale Figur des Romans namens Landauer – dazu die Freigabe erteilt. Im anschließenden Gespräch mit dem Moderator erklärt Joachim Zelter sein Buch als Parabel auf die Leistungsgesellschaft. Diese sieht er jedoch mehr als "Erfolgsgesellschaft", in der einige Erfolg haben können, ohne viel zu leisten und andere viel leisten, ohne Erfolg zu haben. Genau diese Entkopplung hebt für ihn der Radsport auf: Im Gegensatz zu vielen Prüfungen im Leben, bei denen Leistung und Ergebnis nicht immer zusammenpassen, sieht er den Berg auf einer Radetappe als einen ehrlichen Gradmesser. Zwischen der steilen Rampe in den Vogesen und der Leistung eines Radsportlers besteht ein direkter, unverfälschter Zusammenhang. Am Ende der Lesung blieb das Gefühl, unbedingt herausfinden zu wollen, wie es mit dem Protagonisten im Peloton weitergeht und noch einmal in eigenem Tempo den vielschichtigen Bezügen der Geschichte zu gesellschaftlichen Phänomenen auf den Grund zu gehen. Genau wie Joachim Zelter selbst: Das Thema beschäftigt ihn auch acht Jahre nach Erstveröffentlichung von "Im Feld" weiterhin und liefert ihm ständig Anlass für neue Gedanken. Aktuell verfasst er eine Reihe von Essays, die um das Radfahren kreisen, wie er berichtete. Noch ist alles in Arbeit, aber freuen kann man sich trotzdem schon darauf.